Ein weit verbreiteter Irrglaube besagt, dass Schimmel erst entsteht, wenn Wassertropfen an der Wand kondensieren (100 % Taupunkt). Die Bauphysik beweist das Gegenteil: Schimmelpilzsporen keimen bereits ab einer relativen Luftfeuchtigkeit von 70 bis 80 % direkt an der Bauteiloberfläche (aw-Wert ≥ 0,70). Liegt die Raumluft bei 20 °C und 60 % relativer Feuchte, reicht eine Wandoberflächentemperatur von unter 12,6 °C (z. B. in einer ungedämmten Außenecke), um Schimmelwachstum auszulösen – völlig ohne sichtbare Nässe. Mit einem Thermohygrometer und einem Infrarot-Pyrometer lässt sich dieser kritische Bereich auf den Millimeter genau nachweisen.
Die bauphysikalische Schimmel-Formel
- 100 % Taupunkt ($T_d$): Reines Wasser kondensiert flüssig (Wand wird nass).
- 80 % Schimmel-Grenztemperatur ($T_{80}$): Sporen beginnen nach DIN 4108-2 innerhalb weniger Tage zu keimen.
- 70 % Dauergrenze ($T_{70}$): Bei Langzeitbelastung (z. B. hinter Schränken) entsteht Schimmelrasen.
1. Die verbindliche Taupunkt- und Schimmel-Referenztabelle
| Raumluft-Temperatur | Raumluft-Feuchte | Taupunkttemperatur (100 % Kondensation) | Schimmel-Grenztemperatur (80 % an der Wand) |
|---|---|---|---|
| 20 °C (Wohnzimmer) | 50 % r.F. | 9,3 °C | 12,6 °C |
| 20 °C (Wohnzimmer) | 60 % r.F. | 12,0 °C | 15,5 °C |
| 20 °C (Wohnzimmer) | 70 % r.F. | 14,4 °C | 18,0 °C (akut gefährdet!) |
| 18 °C (Schlafzimmer) | 55 % r.F. | 8,8 °C | 12,2 °C |
| 18 °C (Schlafzimmer) | 65 % r.F. | 11,2 °C | 14,7 °C |
2. So führen Sie die Messung mit Infrarot-Pyrometer und Hygrometer durch
- Raumluftwerte erfassen: Platzieren Sie ein kalibriertes Thermohygrometer in der Raummitte (ca. 1 m Höhe, nicht auf der Fensterbank). Lesen Sie Temperatur ($T_{Luft}$) und relative Feuchte ($\phi$) ab.
- Kritische Oberflächentemperatur aus Tabelle ablesen: Ermitteln Sie die 80 %-Schimmelgrenztemperatur aus obiger Tabelle (z. B. 12,6 °C bei 20 °C / 50 %).
- Wärmebrücken mit Infrarot-Thermometer abscannen: Messen Sie gezielt folgende Schwachstellen:
- Außenecken oben an der Decke und unten am Fußboden
- Fensterlaibungen und Rollladenkästen
- Wandbereiche hinter großen Schränken und Sofas an Außenwänden
- Bewertung: Liegt die gemessene Wandtemperatur unter dem Tabellenwert für 80 %, besteht akute Schimmelgefahr – selbst wenn sich die Wand trocken anfühlt.
3. 4 Sofortmaßnahmen bei unterschrittener Schimmeltemperatur
- Möbel abrücken: Mindestens 5 bis 10 cm Abstand zwischen Außenwand und Schrank einhalten, um Konvektionsluftzirkulation zu ermöglichen.
- Stoßlüftung optimieren: Querlüftung für 3 bis 5 Minuten bei voll geöffneten Fenstern (senkt die absolute Feuchte drastisch, ohne die Wände auszukühlen).
- Heizkörper nicht komplett abschalten: Auch ungenutzte Räume im Winter auf mindestens 16–17 °C temperieren, um das Auskühlen der Bauteile zu verhindern.
- Innendämmung mit Calciumsilikat: Bei baulichen Wärmebrücken helfen diffusionsoffene Calciumsilikatplatten, die Feuchte puffern und durch ihren hohen pH-Wert (> 10) Schimmelpilzen den Nährboden entziehen.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Reicht es aus, den Raum nur morgens zu lüften?
Ein Mensch gibt im Schlaf pro Nacht etwa 0,5 bis 1 Liter Wasser über Atem und Schweiß ab. In Schlafräumen sollte daher zwingend direkt nach dem Aufstehen sowie nochmals vor dem Schlafengehen stoßgelüftet werden.
Warum schimmelt es oft hinter Fußleisten?
Hinter Fußleisten an Außenwänden bildet sich eine stehende Kaltluftzone ohne Luftaustausch. Ist die Fuge zwischen Estrich und Wand nicht winddicht abgedichtet, kriecht Kaltluft nach oben und senkt die Oberflächentemperatur unter den 80 %-Taupunkt.